Heftige Waldbrände auf der Nordhalbkugel – ein Zeichen des Kontrollverlusts?

Auf mehrfachen Wunsch und weil ich selbst der Ansicht bin, dass dies ein wichtiges Thema ist, schreibe ich hier einen Artikel über das, was sich derzeit auf der Nordhalbkugel unseres kleinen Planeten ereignet. Wie klein er wirklich ist, das zeigt uns gerade dieses Thema!

Ihr werdet wahrscheinlich genauso überrascht sein wie ich, als ich mich das erste Mal mit dem Thema konfrontiert sah. Das war im Jahr 2017, als ich Anfang August an der Nordsee einen Wetterclip drehte und am Abend merkwürdige Schleierwolken am Himmel beobachtete. Sie erinnerten mich eigentlich an polare Stratopshärenwolken (vom Typ I), nur dass diese auf der Nordhalbkugel nicht im Sommer auftreten können.
Ich schoss einige Bilder und überlegte, was das wohl sein könnte, konnte mir aber keinen rechten Reim darauf machen.
Nach kurzer Zeit entwickelten sich wunderschöne Schattenstrahlen, die durch weit entfernte Cumuluswolken auf die hohe Wolkenschicht geworfen wurden. Am Ende waren die Wolken wie von Zauberhand plötzlich verschwunden.

Zunächst heftete ich das Erlebnis unter „ungewöhnlich und schön“ ab, bis nach etwa zwei Wochen eines Abends erneut die merkwürdigen Schlieren auftauchten, am 22.08.2017. Diesmal waren sie allerdings wirklich intensiv, der ganze Himmel war weißlich, voller Streifen und Wellenstrukturen und es war eine äußerst merkwürdige Lichtstimmung. Mein Auge sagte mir: Mit normalen Wolken hatte das nichts zu tun!

Das bestätigte auch ein Blick auf sämtliche verfügbaren Wetterdaten wie Modellkarten und Radiosondenaufstiege (Kleine Messsonden an einem Ballon, die zweimal täglich von einigen Wetterstationen bis in die Stratosphäre aufsteigen und ein Vertikalprofil messen). Die Luft war in allen Schichten zu trocken für eine Wolkenbildung. Es konnten keine Wasserwolken sein. Da der Himmel über Norddeutschland bereits den ganzen Tag dunstig gewesen war, lag eine Art von Staub als Ursache nah.

Als die Sonne unterging, färbte sich der ganze Himmel intensiv, erst gelb-orange, dann knallrot, bis sich Farben und Strukturen zum Horizont zurückzogen und schließlich völlig verschwanden und sich ein ganz normaler Abendhimmel zeigte. Lediglich ein paar dunkle Streifen blieben in Horizontnähe sichtbar. Ich war völlig geflasht von diesem Schauspiel. So etwas hatte ich noch nie gesehen.

Zuhause ging es dann also an die Ursachensuche. Ein weiterer Hinweis war die Dauer des farbigen Leuchtens, da man anhand der Dauer und dem zugehörigen Sonnenstand die ungefähre Höhe der Wolken bestimmen kann, zum Beispiel mit diesem tollen Script von Michael Theusner: Link. Dies ergab eine Höhe von deutlich über 10 Kilometern, also auf jeden Fall in der Höhe des Jetstreams. Die Wolken mussten folglich aus großer Entfernung zu uns gelangt sein, denn der Höhenwind ging mit 70-80 Knoten bzw. 130-150 km/h aus Nordwest über Norddeutschland und in Richtung Nordwesten liegt hier ausschließlich die weite, weite Nordsee.

Auf den Satellitenbildern desselben Tages war am Morgen und am Abend ein dünnes, milchiges Wolkenband quer über Mitteleuropa zu sehen, das tagsüber unsichtbar war, also allein durch den tiefen Sonnenstand sichtbar wurde. Es reichte bis zu einem Tiefdruckgebiet westlich von Irland und machte dann einen Knick nach Südwesten weit auf den Atlantik hinaus. Ich suchte die Quelle also weiter westlich und nahm dazu Aerosoldaten der NASA zur Hilfe. Schnell wurde klar, dass die Quelle des Staubs in Nordamerika lag, wo extrem hohe Aerosolkonzentrationen gemessen wurden:

NASA Worldview – NASA Terra Aerosol Optical Depth, 22.08.2017

Die Quelle lag ein wenig nördlich von Lake Athabasca und es handelte sich um einen gigantischen Waldbrand bzw. mehrere riesige Waldbrände über eine Strecke von fast 500 Kilometern, die ab etwa dem 08. August für eine ganze Woche ungehindert wüteten und sich vom Wind angetrieben massiv ausbreiten konnten: Link Satellitenbild. Die Aschewolke, die sie in die Atmosphäre ausstießen, war übergalaktisch und erreichte Ausmaße, die nie zuvor dokumentiert wurden (Link). Kein Wunder, dass die Asche bis in die Stratosphäre gelangen konnte, bei diesen Ausmaßen! Diese Waldbrände verursachten Emissionen, die sich mit einer mittelgroßen Vulkaneruption vergleichen lassen (Link InsideClimate News, Link Nature.com)!

Lake Athabasca und Waldbrände in Kanada am 14.08.2017, Bild: NASA Worldview

In den nächsten Tagen tauchten Sichtungen der Rauchwolken aus ganz Europa auf, von England, Spanien, den Niederlanden, Deutschland bis nach Ungarn und Griechenland. Die Wolken wurden also weithin als eine ungewöhnliche Wettererscheinung wahrgenommen jedoch vielfach wohl nicht recht verstanden. Das ist aber kein Wunder, wer denkt bei ein paar Wolken am Himmel schon an über 6000 Kilometer entfernte Waldbrände?!

Falls euch das bis hierher noch nicht schockiert hat, zeige ich euch hier noch ein hochaufgelöstes Satellitenbild von Sentinel 2-A vom 13.08., das die Brandherde und ihre enorme Ausdehnung nördlich von Lake Athabasca zeigt. Am darauffolgenden Tag loderten sie jedoch noch heftiger, wie das oben gezeigte Bild belegt.

Waldbrände nördlich Lake Athabasca am 13.08.2017, Quelle: Sentinel 2-A, Copernicus Open Access Hub, Kanäle B4, B3, B2 + B12.

Bis Mitte September setzten sich europaweit die Beobachtungen fort, ehe dann im Oktober riesige Waldbrände in Portugal über eintausend Quadratkilometer Fläche vernichteten und in England und Norddeutschland für einen gelben Himmel und ein Versagen der Wettermodelle sorgten. Ausgerechnet an dem Tag, an dem der Waldbrandrauch aus Portugal nach Deutschland zog, drehte ich wieder einen Wetterfilm und wunderte mich darüber, dass der Himmel bedeckt war, obwohl die Wettermodelle sehr klare Bedingungen prognostizierten. Es war eine gespenstische Stimmung als die Sonne am Vormittag etwa 15 Grad (ca. zwei Handbreit) über dem Horizont als roter Glutball aufging und noch um die Mittagszeit bedenkenlos direkt betrachtet werden konnte. Die Spiegelung im Wasser war ebenso rötlich. Erneut etwas, was ich zuvor noch nie so gesehen hatte.

Ein geradezu dystopisches Bild am 17.10.2017 am Brodtener Ufer bei Travemünde: Die rot glimmende Sonne, erstickt durch dichten Rauch aus Portugal.

Soweit zur Situation 2017. Wer möchte kann sich auch eine kleine Videozusammenfassung darüber anschauen (auf Englisch):


2018 haben dann auch wieder große Waldbrände in den subarktischen Wäldern stattgefunden, jedoch in einem weit gewöhnlicheren Ausmaß als 2017. Denn klar ist auch, dass große Feuer schon immer in den subarktischen Wäldern vorgekommen sind und zum Teil auch für die Sukzession und Erneuerung wichtig sind. Allerdings nicht in einem solchen Ausmaß wie 2017. 2018 gab es allerdings in Kalifornien unvergessen schlimme Großbrände ähnlichen Ausmaßes, das soll hier aber nicht weiter thematisiert werden. Kommen wir nun zur eigentlich interessanten Situation in 2019.

Üblicherweise beginnt die Feuersaison im Norden etwa Mitte bis Ende Juni. In diesem Jahr fand allerdings bereits Mitte Mai einer der ersten wirklich großen Brände in Alberta statt. Dabei stand zeitweise eine Fläche von 2800 Quadratkilometern in Brand, was größer ist als das gesamte Saarland (ca. 2500 km²)! Quelle: CBC News
Im Folgenden seht ihr ein hochaufgelöstes Satellitenbild des betreffenden Brandes bei High Level, Alberta, aufgenommen am 21.05.2019 von Sentinel 2-B, Datenquelle: Copernicus Open Access Hub, Kanäle: B4, B3, B2 (+ B12). Der weiße Strich entspricht 10 Kilometern Länge.

Dieser Brand dürfte bis heute nicht komplett erloschen sein, es ist auch quasi unmöglich, derart große Brände unter Kontrolle zu bringen. Sie sind vor allem vom Wetter abhängig und sobald die Wetterlage es erlaubt, lodern sie wieder auf. Nachdem dieser Brand (neben einem weiteren sehr großen etwas südöstlich bei Slave Lake) etwa zwei Wochen gewütet hatte, stellte sich Anfang Juni das Wetter um und die Bedingungen für Feuer wurden schlechter. Sobald sich jedoch am 17. Juni wieder trockenere und wärmere Bedingungen etablierten, loderte das Feuer dort erneut heftig auf und vernichtete noch einige hundert Quadratkilometer mehr. Selbst auf den neuesten Satellitenbildern vom 10. Juli ist dieses Feuer noch nicht aus.

Hier einmal ein Größenvergleich des Brandes am 17.06. bei High Level mit dem Rekord-Waldbrand Anfang Juli bei Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern (beide Bilder haben dieselben Abmessungen, Quelle: Sentinel 2-B, Copernicus Open Access Hub, Kanäle: B4, B3, B2 (+ B12)). Die Bilder sind jeweils ca. 20 Kilometer breit.

Hinzu kommt nun, wenn man einmal den Blick etwas weitet: Seit Anfang Juli sind noch einige weitere Großbrände auf der Nordhalbkugel entstanden und zwar wirklich nicht wenige!

Dies war die Gegend nördlich von Krasnoyarsk am 04. Juli in NASA Worldview (Screenshot) mit mehr als einem Dutzend Großbränden (Norden ist links):

Zur besseren Entfernungseinschätzung habe ich unten einmal maßstabsgetreu die Deutschlandkarte darübergelegt. Der Waldbrand bei Lübtheen ist im maßstabsgetreuen Vergleich dagegen kaum zu erkennen.

Damit jedoch noch nicht genug. Seit einigen Tagen ist außerdem in Ontario eine Brandserie im Gange, die ebenfalls bereits mehrere hundert Quadratkilometer vernichtet hat. Sie hat in den vergangenen Tagen so viel Rauch freigesetzt, dass praktisch die kompletten Großen Seen der USA und noch mehr Landfläche davon bedeckt waren, wie nachfolgendes Bild vom 07.07. aus NASA Worldview beweist:

Der größte Brand in Ontario ist im hochaufgelösten Bild von Sentinel 2 vom 05.07.2019 beeindruckend anzuschauen und so habe ich mir einmal einen kleinen Größenvergleich mit unserer Bundeshauptstadt Berlin (rechts bzw. oben) erlaubt:

Nun sollte mensch meinen, das müsste es allmählich gewesen sein, aber falsch gedacht! Auch Alaska geht derzeit komplett im Waldbrandrauch unter, wie dieses Bild von gestern, 10.07.2019 beweist:

Hier erstreckt sich eine riesige Rauchwolke von Vancouver Island (links unten in der Ecke) über ganz Alaska bis hinein nach Russland.

Dort waren in den letzten Tagen allein mindestens 11 Großfeuer aktiv.

Soweit ich sämtliche verfügbaren Daten überblicken kann, haben somit bereits in sieben verschiedenen Regionen der Nordhalbkugel riesige Flächenbrände gewütet bzw. sind noch im Gange:

Das Ausmaß ihrer Rauchfahnen erreicht erneut schwindelerregende Dimensionen und erwiesenermaßen haben in den letzten Tagen Rauchwolken in mehr als 11 Kilometern Höhe Europa überquert. Im Folgenden ein LIDAR-Diagramm aus Vlissingen (NL), wo der Rauch bis in etwas über 11 Kilometer Höhe detektiert wurde:

Quelle: https://e-profile.eu/#/cm_profile

Vom Boden aus sieht das dann so aus:

Rauchwolken am 02.07. morgens über Kiel
Rauchwolken am 02.07. abends über Kiel/Schwedeneck
Rauchwolken mit Purpurlicht am 02.07. in Schwedeneck bei Kiel
Rauchwolken am 03.07. morgens über der Kieler Förde
Rauchwolken am 03.07. morgens über der Kieler Förde
Rauchwolken, die wie NLCs anmuten am 09.07. abends über Kiel
Rauchwolken über troposphärischen Wolken am 09.07. abends nahe Kiel

Sicherlich werden wir durch die zahlreichen Großfeuer auf der ganzen Nordhalbkugel in den nächsten Tagen und Wochen immer wieder derartige Erscheinungen beobachten können, aber auch die Luftqualität wird zeitweise durch den tausende Kilometer weit ziehenden Rauch beeinträchtigt. Insbesondere die Feinstaubkonzentration in Deutschland wird (u.a.) auch nennenswert durch diesen Waldbrandrauch beeinflusst.
Leider scheint sich schon sehr schnell zu bewahrheiten, was Klimaforscher*innen schon länger prognostizieren: Eine Zunahme der (sub-)arktischen Waldbrände, aber offensichtlich auch ihre Intensivierung, denn solch enorme Rauchentwicklungen wie in den letzten paar Jahren ließen sich noch vor wenigen Jahren praktisch nie irgendwo beobachten, genauso wie die sehr hohe Anzahl gleichzeitig in verschiedenen Regionen aktiver Waldbrände. Nun sind sie aber innerhalb weniger Jahre beinahe zur Regel geworden. Wenn das kein dringendes Warnsignal ist!

Sicher spielt auch die Bewirtschaftung des Waldes und der Umgang mit solchen Feuern eine Rolle, denn es ist gar nicht unbedingt eine gute Idee, Waldbrände zu verhindern. Schließlich sammelt sich so brennbares Material über einen längeren Zeitraum an und kann dann irgendwann umso heftiger brennen. Allerdings finden viele dieser Brände in komplett entlegenen Gegenden statt und die einzige menschliche Interaktion läuft wohl über die anthropogene Klimaveränderung. Teile der subarktischen Klimazone haben sich schon jetzt um bis zu 4°C gegenüber dem vorigen Jahrhundert erwärmt.
In einem Klima, das sich inzwischen global merklich verändert, stellt sich die Frage, ob Naturkatastrophen durch den Klimawandel vermehrt auftreten oder schlimmer werden, eigentlich fast nicht mehr, denn das ganze System ist bereits davon beeinflusst und damit natürlich auch solche Ereignisse. In den letzten Jahren überkommt aufmerksame Naturbeobachter eigentlich nur noch das Gefühl, dass die Forschung dazu inzwischen von der Realität überholt wird. Allerdings muss man fairerweise dazusagen, dass Klimaforscher*innen viel zu lange Zeit von Politik und Öffentlichkeit ignoriert wurden.
Mehr dazu auch hier: Alberta wildfires linked to climate change, scientist says

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Sehr helles Polarlicht am 17.04.2015 bei Kiel